Jonathan Lethem - Chronic City

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Jonathan Lethem - Chronic City
Der amerikanische Autor Jonathan Lethem, geboren 1964 in New York, hat in seinem neuen Roman Chronic City viele Dinge erfunden, die immer gerade so knapp neben der Wirklichkeit liegen, dass der Leser ins Stutzen gerät, die aber doch so real sind, dass sie uns vertraut vorkommen. Zum Beispiel der »graue Nebel«, der Downtown Manhattan verhüllt und die Banker in Depressionen stürzt, weil sie ohne Tageslicht arbeiten müssen. Alle ahnen, dass es sich um die Rache der Natur an der exzentrisch gewordenen Wall Street handelt, aber man ist zu sehr Rationalist, um das laut auszusprechen. Das gilt auch für die Zeit, in der Chronic City spielt. Vieles – das Wechselbad von Angst und Manie, aber auch der New Yorker Bürgermeister Jules Arnheim, den man leicht mit dem realen Michael Bloomberg ver- wechseln kann – erinnert an die nuller Jahre. Andererseits hat alles einen Hauch des Zukünftigen, als müsse man die Gegenwart nur ein wenig ins Morgen verlängern, um in Lethems Welt anzukommen. Chronic City ist ein New-York-Roman und ein Simulations- roman. Weil diese Stadt bigger than life wirkt, sodass man sich fragt, ob ihre Phäno- mene noch durch die Wirklichkeit gedeckt sind. Oder ob die Stadt nicht zu einem riesigen Inszenierungssprung angesetzt und alle Erdenhaftigkeit und Schwerkraft hinter sich gelassen hat. Chronic City erzählt von der Sehnsucht, sich vom Bullshit zu erlösen. Lethem ist ein großartiger Schriftsteller, der Figuren von einer Gefühlstiefe und Gedankenkomplexität schaffen kann wie nur wenige seiner Kollegen. Dieses Buch aber ist ein großer Roman, weil Lethem denkende und leidende Figuren schafft, mit denen der Leser mitfühlt. Im Zentrum steht ein ungleiches Paar: Chase Insteadman und Perkus Tooth, eine anrührende Männerfreundschaft. Der eine, Chase Insteadman, der zugleich als Erzähler des Romans fungiert, ist ein soziales Chamäleon: »Ich gleite reibungslos dahin auf den Kugellagern des Charmes, habe ein gemäßigtes Charisma, das nieman- dem wehtut. Als Schauspieler im Ruhestand repräsentiere ich die Künste, verbreite jedoch nicht die störende Aura der Unzufriedenheit, des Ehrgeizes oder der Bedürftig- keit.« Perkus hingegen ist der herrische Paranoiker. In einer Zeit, die das Ganze nicht mehr zu erfassen vermag, ist der Paranoiker der Letzte, für den noch alles mit allem zusammenhängt. Perkus’ Paranoia hat etwas von intellektuellem Feinschmeckertum. Er ist zum Beispiel davon überzeugt, dass die bloße Typografie des New Yorker etwas mit den Artikeln macht. Sie bekommen ein Moment von Überzeugungskraft und Autorität durch ihre typo- grafische Aufbereitung. Wenn Perkus einem Artikel aus dem New Yorker auf den Zahn fühlen will, druckt er ihn in der Schrifttype Courier aus. Perkus und Chase: Der eine ist der Einzelgänger, der die Lügen durchschaut, der andere der Sozialempathiker, der sich jeder Unwahrhaftigkeit anschmiegt. Sie ahnen, dass sie dazu bestimmt sein könnten, sich gegenseitig zu erretten.

Kommentare und News zu Jonathan Lethem - Chronic City

Jemand hat eine neue Beschreibung vorgeschlagen.

vor 6 Jahren und 4 Monaten